„Mariä Lichtmess“ oder was ein katholischer Feiertag mit Prokrastination zu tun hat

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Die Literatur über Prokrastination füllt Regalmeter. Der Begriff ist hipp, einmal, weil er so schön klingt, auf der anderen Seite, weil er so gebildet benennt, was so ziemlich jeder kennt: das Gefühl, dass man nicht in die Socken kommt mit dem, was dringend erledigt werden müsste. Früher nannte man es „Aufschieberitis“.

In Untersuchungen wird Prokrastinieren in Zusammenhang mit Depression gebracht. Wenn das Verhalten so ausgeprägt ist, dann hat es Krankheitswert und damit gibt es auch Behandlungsbedarf.

Nein, mir geht es ums tägliche Prokrastinieren. Nicht nur das im Großen und Ganzen, sondern auch das im Kleinen und Halben. Denn das ist weit verbreitet. Ich würde sogar so weit gehen, dass jeder prokrastiniert. Nicht beim selben Thema, aber bei irgendeinem – bei seinem speziellen – Thema. Kennen Sie Ihres?

Eines meiner bevorzugten Themen ist das Abräumen und anschließende Rausschmeißen des Weihnachtsbaums. Am 30sten Januar habe ich es getan.

Die wirklichen Klassiker sind Studienarbeiten, Prüfungsvorbereitungen aller Art, überhaupt Schriftliches aller Art. Wenn es da keine Deadline – den ultimativ allerletzten Abgabetermin – gäbe … Eigentlich sollte man dankbar sein für diesen Zwang zum Abschluss. Was tut man stattdessen? Man ist gestresst. Man jammert.

Was schiebt man auf? Warum schiebt man auf? Beleuchten wir das doch einmal an ausgewählten Beispielen!

Das Lernen,weil man sich dabei anstrengen und konzentrieren muss,

  • weil man potenziell (!) an seine Grenzen stößt,
  • weil man nix kapiert und sich dann auch noch nix merken kann – der pure Frust, der absolute Horror, oder?

Das Arbeiten an einer Hausarbeit, der Thesis, einem x-beliebigen Text,

  • weil man im Thema doch nicht so drin ist, wie man dachte und man also erst mal wieder recherchieren, lesen, exzerpieren müsste,
  • weil es einen nicht so richtig interessiert,
  • weil das Formulieren gar so zäh läuft …

Die Steuererklärung,

  • weil man sich jedes Jahr wieder von Neuem in diese dämliche Formularsprache einlesen muss,
  • weil Elster sicher wieder abstürzt,
  • weil man die Belege sichten und sortieren muss (und darauf hat man schon gar keine Lust!), weil man sowieso nichts zurück bekommt …

Halt! Stimmt nicht! Natürlich bekommt man in der Regel Geld zurück! Der mögliche Gewinn dieser Aktion lässt sich doch aus der Erfahrung der letzten Jahre ziemlich genau beziffern.

Die eine schnöde Wahrheit ist ganz oft: man schiebt auf, weil man es kann.                     

Man braucht nämlich das Geld aus dem Steuerausgleich nicht sooo dringend. Man hat die Erfahrung gemacht, dass man unter einem gewissen Druck besser arbeiten kann. Man weiß, dass man immer noch pünktlich geliefert hat, was gefordert wurde.

Die andere, noch viel schnödere Wahrheit: Die (für den Moment) attraktivere Ablenkung liegt so nah, wie selten zuvor.

Es gibt im Homeoffice nämlich keine soziale Kontrolle, die verhindert, dass man jetzt lieber die Wäsche aufhängt, Fenster putzt, Unkraut im Garten zupft (setzen Sie die Liste Ihrer Ausweichaktivitäten nach Ihren Erfahrungen gerne individuell fort!),  anstatt sich der wenig prickelnden Arbeitsaufgabe zu widmen. Und der Weg zum Klick ins unterhaltsame Social Network ist nur eine Taste weit entfernt.

Was könnte die Lehre sein aus all den Erfahrungen, die wir im Laufe des Lebens mit uns machen?

Sollten wir uns konsequent um Disziplin, Planung, Checklisten und individuelle Deadlines bemühen – um alles, was die gesammelte Ratgeberliteratur so empfiehlt? Ein harter Weg, ein steiniger Weg. Und ganz selten ein wirklich erfolgreicher Weg.

Oder sollten wir unser Augenmerk darauf lenken, die Dinge zu identifizieren, die wir wirklich nicht aufschieben dürfen? Den Abgabetermin für die Thesis zum Beispiel, die Präsentation, die für den Chef vorzubereiten ist – und dafür dann konsequent eine Strategie entwickeln? Die könnte dann auch sein, den Job zu wechseln, wenn das mit den Präsentationen zum Dauerstress werden sollte. Denn die Ursachen dafür müssen ja nicht immer in der eigenen Person liegen.

Der Rest darf dann gerne mal geschoben werden. Denn man kann ja begründen, warum das nicht weiter schlimm ist. Und damit kommen wir wieder zu meinem Weihnachtsbaum. Laut katholischer Liturgie (schließlich bin ich in Bayern aufgewachsen!) endet die Weihnachtszeit am 2. Februar, 40 Tage nach der Geburt Jesu am Gedenktag „Mariä Lichtmess“, der Darbringung Jesu im Tempel. Weihnachtsbäume gehören in die Weihnachtszeit. Ich habe also nicht prokrastiniert, im Gegenteil! Ich war in diesem Jahr drei Tag der Deadline voraus! Nur mit dem Blogeintrag hinke ich ein paar Tage hinterher.

 

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