Zwischen den Jahren … Nachdenken über die Post vom Weihnachtsmann

Bildrechte: Sabine KanzlerSie treffen sich immer zum Frühschoppen, spätestens am zweiten Weihnachtsfeiertag. Sie kennen sich aus ihrer Schulzeit, haben sich nach dem Abitur Spaß gegönnt, ein tolles Studium absolviert und attraktive und gut bezahlte Jobs gefunden. Jetzt sind sie angereist aus allen Ecken Deutschlands, um mit der Familie Weihnachten zu verbringen. Familie, von der man nach zwei Tagen Zusammensein inklusive jahreszeitlich bedingter Innigkeit jetzt mal eine Schnaufpause braucht.

„Mir ist etwas Komisches passiert in diesem Jahr!“ sagt einer. „Weihnachtsmann, Christkind … ich meine, das ist doch vorbei, spätestens dann, wenn man in die Schule kommt!“ Die anderen nehmen einen kräftigen Schluck aus ihrem Glas. Es ist plötzlich ganz ruhig geworden. „Ich hab da einen ganz verrückten Brief bekommen!“

„Du auch?“ fragen die anderen im Chor. „Unterschrieben war er mit ‚Dein Weihnachtsmann‘ “ , und mit diesen Worten zieht er einen mit Goldsternen überzogenen Bogen feinsten Büttens aus seiner Tasche.

„Ho, ho, hooo, Ihr Lieben!“ stand da. Und es ging weiter mit:

„Einigen von Euch schreibe ich in diesem Jahr einen ganz besonderen Brief.

Eure Wunschzettel haben wir – Christkind und ich – natürlich bekommen. Die Wünsche nach den coolen Klamotten, den Smartphones und Flachbildschirmen, nach Silber und Gold und Brillanten haben wir gleich gestrichen. Ihr seid schließlich erwachsen, Ihr verdient Euer eigenes Geld und könnt Euch diese Dinge alle selber kaufen. Ihr müsst nur ein bisschen sparen und warten, dann klappt das schon.

Bleibt der Rest! Was habe ich wieder alles hören und lesen müssen an Wünschen für den Job: Ganz oben steht immer noch der perfekte Chef. Dann sollen es natürlich die interessantesten Aufgaben sein, Aufgaben, bei denen Ihr Euch beweisen könnt. Und natürlich weiterentwickeln. Fehler wollt Ihr machen dürfen, ohne dass Euch jemand ernsthaft böse ist deswegen. Flache Hierarchien, der Kicker und Obst und Getränke im Büro, selbstverständlich umsonst. Am Freitag Pizza. Dazu ein gutes Gehalt, Work-Life-Balance, Sabbatical und Teilzeit auf Wunsch. Den Spirit eines Start-up. Und Sicherheit! Der Arbeitsplatz muss natürlich sicher sein, ganz klar.  Bevor ich er vergesse, das Tüpfelchen auf dem i: Der Hund soll mitdürfen ins Büro.

Das Vorbereitungsmeeting von Christkind und mir im letzten Jahr war nicht so schön. Das Christkind hat Berge von Taschentüchern vollgeheult – Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie es anschließend aussah mit den roten Augen und der tropfenden Nase und wie viel Make-up nötig war, um es bis zu seinem Auftritt auf dem Christkindelmarkt in Nürnberg wieder hübsch zu bekommen. Und ich hatte noch Tage danach einen dicken Kopf von dem Schnaps, den ich gebraucht habe, alle diese Wünsche zu verdauen.

Dieses Jahr machen wir das anders, so haben wir beschlossen. Es gibt EINE Sache: also entweder Getränke und Pizza oder Work-Life-Balance oder einen ordentlichen Chef oder was Ihr sonst so wollt. Und dazu Sternenplätzchen. Die sind mit einer Prise Realitätssinn gewürzt. Und mit Energie und Durchhaltevermögen. Das alles könnt Ihr gut gebrauchen, um Euch das, was Ihr Euch sonst noch so vorstellt, zu erarbeiten!

Guten Appetit und ho, ho, hooooo! Und Grüße und frohe und gesegnete Weihnachten vom Christkind!

Euer Weihnachtsmann

PS: Natürlich auch ein gutes neues Jahr!“

In die betreten zu Boden schauende und schweigende Runde hört man nach einer Weile eine Stimme: „Aber die Weihnachtsplätzchen, die waren wirklich extrem lecker!“ Die anderen nicken stumm.

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