© Sabine Kanzler

Klopapier oder: Interkulturelle Erfahrungen (1)

Wer jemals unvorbereitet in einem Bed & Breakfast in Frankreich auf dem stillen Örtchen hinter sich gegriffen hat, der könnte sich an die Überraschung erinnern, die er empfunden hat. Statt einer Rolle, von der man bequem die benötigte Anzahl von Blättern abreißt, findet man oft lose Blätter, gefaltet wie Zigarettenpapier. Auch optisch erleben Sie gegebenenfalls Neues: Das Papier gibt es in pastelligen Farben gelb, grün, rosa, violett. Die Haptik ist … nennen wir sie „ungewöhnlich“. Das Papier ist gerne weniger porös und auch nicht so dick. Man muss sich also gewöhnen!

Warum ich Ihnen das alles erzähle?

Reisen bildet – so sagt man. Wer berufsbedingt reist, ja, reisen muss, der wird gebildet. Von dem, was er woanders vorfindet. Zwangsweise. Denn nicht jeder bewegt sich im Ausland ausschließlich innerhalb der Mehrsterne-Hotellerie, die weltweit genormt ist. Ein Sheraton in Deutschland unterscheidet sich nur marginal von einem anderen Sheraton in der Welt. Und sobald man aus dieser Sternenhöhe herabsteigt in die Alltagsumgebung der Kollegen und Geschäftspartner, schlägt sie zu: die interkulturelle Kompetenz, über die man verfügt oder auch nicht.

Was das konkret bedeuten kann, das will ich hier in lockerer Folge beleuchten, angereichert und gewürzt mit Beiträgen aus dem realen interkulturellen Leben. Sozusagen Theorie und Praxis vereint – und also mehr als ein Ratgeber. Denn der gemeinsam er- und gelebte Alltag entscheidet, wie fremd man sich bleibt!

Ich beginne mit einem Interview mit Yorck Eberbach. Herr Eberbach ist Technical Manager bei FI Machinery (Ningbo). Er lebt und arbeitet seit 2008 in China.

Herr Eberbach, warum sind Sie kompetent, zu diesem Thema etwas beizutragen?

Wie an meinem Profil unschwer zu erkennen ist, habe ich durchaus im Ausland zu tun gehabt.

Ich habe in Dänemark studiert, wobei Dänemark nicht unbedingt als Ausland zählt, da ich als Deutscher innerhalb der dänischen Minderheit in Südschleswig aufgewachsen bin.

Während des Studiums war ich dann im Rahmen von Auslandsstudien ein Semester in Prag und ein Semester in Südkorea.

Da ich nicht genug kriegen konnte, war ich danach während eines Traineeprograms drei Monate in England und vier Monate in Brasilien.

Dann wurde es richtig wild! Ich habe über zwei Jahre in Bayern gearbeitet :-), danach ein Jahr Vietnam und schlussendlich China seit Mai 2008.

Was ist passiert in dieser Zeit? Haben Sie sich verändert? Was hat sich verändert bei Ihnen?

Ja, ich denke es hat mich verändert, vor allem natürlich der längere Aufenthalt in China, aber insgesamt wohl auch die Kombination aus mehreren Auslandsstationen. Ob zum Positiven oder Negativen, das müssen letztendlich andere beurteilen, ich finde „unterm Strich“ zum Positiven.

Meine Frustrationstoleranz ist ganz sicher gestiegen. Ich denke ich kann mich recht schnell auf neue Situationen einstellen, sowohl im Kleinen als auch im Großen, bei Umzug in eine komplett neue Umgebung beispielsweise.

Ich bin in einigen Punkten sehr viel toleranter und offener gegenüber Neuem geworden – wobei ich schon immer recht aufgeschlossen neuen Erfahrungen gegenüber war. Ich sehe ein, dass nichts 100% sicher ist.

Was ist das Wichtigste, was Sie gelernt haben?

Wenn ich drei Dinge nennen sollte die ich gelernt habe, dann die:

  1. Man kann es auch anders machen als es in Deutschland gemacht wird und es funktioniert trotzdem. Mir und anderen im Ausland fällt häufig auf, dass vor allem Leute aus der DACH- Region den Eindruck vermitteln, dass „wir“ wissen wie es gemacht werden muss.
  2. Viele Dinge in Deutschland sind viel besser als man denkt. „Wir“ meckern gerne über Dinge, die im Grunde gar nicht so schlecht sind. Mir ist aber auch klar, dass man nicht aufhören sollte, Dinge zu verbessern, nur weil sie woanders schlechter sind.
  3. Man muss nicht komplett im Gastland aufgehen und alles so machen wie die Einheimischen und alles ganz toll finden -ein Phänomen, welches ich vor allem bei „newbies“ beobachte. Man kann sich durchaus über Dinge ärgern und Verhaltensweisen komplett schwachsinnig finden. Man muss nur akzeptieren, dass man sie nicht ändern kann. Und das kann an bestimmten Tagen sehr, sehr schwer sein.

Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus? Was würden Sie jemandem empfehlen, der über einen Auslandsaufenthalt nachdenkt?

Mir ist an mir aufgefallen ist, dass ich inzwischen recht wenig auf interkulturelle Ratgeber, interkulturelle Trainings, Do’s and Dont’s im Ausland usw. gebe und auch keine solchen Bücher empfehle. Ich werde niemals ein Chinese / Vietnamese / Brasilianer … sein und ich werde niemals vollständig verstehen, warum die Dinge so tun wie sie es tun. Dafür bin ich zu tief in meiner eigenen Kultur verwurzelt. Wenn man Leuten einfach mit Respekt und Wertschätzung begegnet, kommt man schon sehr, sehr weit und der Rest ergibt sich. Eine kurze Einführung in eine Land und eine Erklärung der übelsten Fettnäpfchen ist sicher hilfreich. Aber ganz viel kann man auch einfach dadurch hinkriegen, dass man einfach mal nachfragt, was angebracht ist und was nicht. Und sich entschuldigt wenn man was verbockt hat.

Und ich bereue, dass ich es in so langer Zeit nicht geschafft habe, Chinesisch zu lernen. Das ist ein Fehler und es hätte vieles sehr viel einfacher gemacht, wenn ich das getan hätte.

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